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Resilienz, was soll das sein?

„Resilienzentwicklung, Pustekuchen! Wie soll ich mich denn selbst stark machen, so stark dass ich Krisen überwinde und aus Katastrophen positive Erlebnisse hervorzaubere? Das kann ich nicht! Ich weiß nicht wie das gehen soll. Das geht doch gar nicht!“  Oh, wie oft habe ich das gedacht. Natürlich kannte ich damals das Wort „Resilienz“ gar nicht, aber das Gefühl in der Krise/Katastrophe unweigerlich untergehen zu müssen, weil es keinen Ausweg gibt, war dauerpräsent.

Tja, aber wie habe ich es dann geschafft, eine krisengeprägte zu einer stärkenorientierten Biografie umzuwandeln?
Irgendwie ist es mir schließlich gelungen, dass ich heute in einem gesunden Zuhause am Esstisch sitze mit Ausblick in den Garten und mich hier wohl und ganz und gar ‚zuhause‘ fühle und mit mir selbst in weiten Teilen im Reinen bin. Dass ich mich stark genug fühle für die Herausforderungen auf meinem Lebensweg (und ich weiß, dass da noch einige warten werden!).
Wie komme ich überhaupt auf den Gedanken, besonders resilient zu sein?
Ich habe mich gefragt, was für Krisen habe ich überhaupt überwunden (Details ) und wie genau habe ich das gemacht?
Und mit diesen Fragen war ich dann mehrere Wochen beschäftigt und bin heute noch immer nicht an der Weisheit letzter Schluss angelangt. Einige Faktoren sind mir aufgefallen, die mir durch schlechte Zeiten geholfen haben. Vielleicht inspirieren sie euch, eure eigenen Resilienzfaktoren zu erkennen:

Das Wichtigste zuerst:
Das Schreiben ist mein Ventil. Meine Taktik, um Kummer, Emotionen und Gedanken loszuwerden. Mein Innerstes quillt in manchen Momenten schier über und dann habe ich nur zwei Möglichkeiten: aggressiv werden (oder heute, mit etwas mehr emotionaler Stabilität: weggehen) oder aufschreiben. Im Alter von 13-18 habe ich einen dicken Ordner mit eigenen Gedichten verfasst. Sechs Tagebücher habe ich vollgeschrieben im Laufe der Jahre. Einen Roman habe ich angefangen und niemals beendet. Es gab unendlich viele Chats mit wildfremden Menschen in ähnlichen Situationen und Briefe, die ich nie gesendet habe. Zwei verschiedene Blogprojekte habe ich angefangen und wieder fallen gelassen. Ich habe es mir schlicht und einfach von der Seele geschrieben, was mich bewegt hat.
In vielen Gedichten und Texten ging es um Suizidgedanken und um das Gefühl völlig ausgeliefert zu sein und keinerlei Kontrolle mehr über die Situation zu haben.
Ich habe all dies auf Papier gepresst – und deshalb, weil meine Traurigkeit und Ohnmacht durch die Feder aufs Papier geflossen sind, niemals richtig ernsthaft versucht mir das Leben zu nehmen. Ich konnte es aushalten, irgendwie, gerade so, das Gefühl in mir drin, weil es nach dem Aufschreiben nicht mehr so stark war. Stark genug, mich absolut in Beschlag zu nehmen, aber nicht mehr so stark, dass ich daran

Manchmal waren da auch andere Menschen und Mentoren in meinem Leben, die sich im Nachhinein als große Resilienzfaktoren herausgestellt haben. Es gab zum Einen Menschen, die aus dem beruflichen Kontext heraus für mich zuständig waren und zum Anderen Menschen, die sich irgendwie auf einmal auf meiner Wellenlänge befanden, die mich bestärkt und hinterfragt haben.
Ich kann mich gut erinnern, wie oft ich das Nachfragen damals anstrengend empfunden habe: „Und WARUM fühlst du dich ohnmächtig? Bist du WIRKLICH ohnmächtig? Was könntest du tun?“ – und heute stelle ich genau diese Fragen meinen Mentees und denen, die mich um Rat bitten. Und in der Antwort auf diese Fragen liegt oft ein kleiner Schlüssel zur Befreiung aus der Krise.
Anderen Menschen zu erzählen, was tatsächlich in dir vorgeht, statt nur an der Oberfläche zu kratzen kann unglaublich befreiend sein. Immer wieder erwische ich mich dabei, dass ich auf die Frage „Na, wie geht es dir?“ mit „Läuft.“ oder anderen blöden Platitüden antworte – und mich dann hinterher ärgere, dass kein tatsächliches Gespräch zustande kommt. Wir müssen viel öfter offen sein mit den Dingen, die uns in unseren Herzen bewegen.

Zwei Kleinigkeiten – das Aufschreiben meiner Gedanken/Gefühle und das genau darüber Reden – die mich unglaublich weit gebracht haben.
Heute ist genau das eine meiner besonderen Stärken: Ich kann meine Emotionen in Worte fassen und mit anderen darüber reden – und dadurch entsteht zum Beispiel hier in diesem Blogprojekt ein unglaublicher Mehrwert für uns. Es ist fast als ob jene Methoden von früher, mit denen ich gerade so aushalten und überleben konnte, was ich durchmachen musste, heute meine Berufung sind.

Und das ist auch der dritte Faktor – den ich allerdings erst jetzt mit Anfang dreissig erkannt habe: Ich kann in den Dingen einen Sinn erkennen. Klar, nicht sofort und augenblicklich. Aber ich kann schwierigen Momenten auch besondere Erfahrungen und daraus resultierende Kompetenzen zuordnen.
Durch meine finanzielle Krise habe ich zum Beispiel irgendwann erkannt, dass es nicht auf das Hab und Gut ankommt was ich besitze, sondern dass mich tatsächlich das einfache Leben glücklicher macht.
Ich brauche keine Statussymbole und auch der Kauf eben dieser befriedigt mich seelisch nicht – auch wenn ich das lange dachte und mich damit in Schwierigkeiten gebracht habe. Ich brauche Sonne, Natur und meine Familie und Freunde, neue Kontakte und dann bin ich glücklich. Ich liebe einige meiner Privilegien und Luxusgüter wie mein Badezimmer oder die große Wohnung, aber ich weiß jetzt ich kann auch in anderen Begebenheiten glücklich sein – eben weil ich mit einfachen Dingen viel glücklicher bin.
Und so ist es wichtig, zu erkennen: „Was habe ich in dieser Krise für mein weiteres Leben gelernt? Wofür hat es einen Sinn gemacht, dass ich durch dieses Tal gegangen bin?“

All diese Dinge habe ich jetzt erst im Nachhinein verstanden. Damals waren es meine von innen heraus entwickelten Strategien – und jetzt wende ich diese Methoden gezielt an, wenn ich Herausforderungen erkenne. Ich gehe gezielt in den Austausch mit anderen Menschen, betrete gezielt Onlinegruppen und Netzwerke um mit Menschen in ähnlichen Lebensumständen oder Erfahrungen über meine Herausforderungen sprechen zu können, ich schreibe mir vieles von der Seele, ich suche nach den Learnings und nach dem Sinn.
Das ändert natürlich nichts an der Krise oder meinem verwirrten Geist in diesen Situationen – aber es hilft mir, diese auszuhalten.

     Und dazu fällt mir gerade wieder die ermutigende Definition von Max Frisch ein:
„Eine Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“  

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