Verdammt, ich lieb‘ dich

Die folgende Schilderung enthält unter anderem detaillierte Beschreibungen von nicht-einvernehmlichen sexuellen Handlungen. Die Verfasserin bittet darum, das Thema und alle Beteiligten mit Respekt zu behandeln.

 

“Und jetzt verpiss dich!”. Ungläubig und wütend starrte ich damals auf mein Handy. Mein Ex-Freund hatte mir gerade eine lange Textnachricht geschickt, in der er mir mitteilte, dass er weder davon absehen würde mit seiner neuen Freundin auf meinem Bett Geschlechtsverkehr zu haben, noch gedachte, meine Sachen an mich herauszugeben. Das Bett, die Waschmaschine und diverse andere Kleinigkeiten, gut die Hälfte der Gegenstände, die sich in seiner Wohnung befanden, habe ich nie wiedergesehen. Von den 2200 Euro, die er mir für meine Sachen schuldet, fehlt bis jetzt auch jede Spur. Nach dieser Textnachricht riss mir endgültig der Geduldsfaden und seitdem herrscht Funkstille. Getrennt hatte ich mich gut anderthalb Monate zuvor.

Er war meine erste große Liebe. Wir hatten uns in Litauen kennengelernt. Ich reiste nach dem Abitur ein wenig durch die Weltgeschichte, um selbige kennenzulernen und mich ein Stück weit selbst zu finden. Wir verliebten uns Hals über Kopf. Die folgenden Jahre führten wir eine englischsprachige Fernbeziehung.

Mein erstes Mal war eine heillose Katastrophe. Es war ein Tag im Dezember. Ich hatte gerade erfahren, dass mein Großvater an Krebs erkrankt war und operiert werden musste. Wieder Zuhause angekommen, zeigte mir mein Ex-Freund das allererste Mal in meinem Leben einen Porno. Danach zog ich ihm ein Kondom über. Ebenfalls zum ersten Mal. Mein Ex-Freund fragte mich: “Do you want to put it there?”. Er sagte eindeutig nicht: “Do you want to have sex?”. Er war weder langsam noch zärtlich. Der Schmerz kam völlig unerwartet und zerriss mich fast. Zuerst fühlte ich gar nichts. Dann war ich verzweifelt. Wütend. Fassungslos. Weinte. Ich fühlte mich so schmutzig.

Ich hatte Mühe, die Geschehnisse in einen logischen Zusammenhang zu bringen. Bei einem war ich mir jedoch sicher: Ich brauchte Zeit für mich, um alles, was passiert war, zu verarbeiten. Ich bin vom Wesen her ein intuitiver Mensch. Ich weiß, was ich in einer bestimmten Situation brauche. Weswegen kann ich jedoch nicht immer sagen. Daraufhin beging ich einen folgenschweren Fehler: Ich hörte nicht auf meine Intuition. Stattdessen versuchte ich mit reiner Logik zu einer Entscheidung zu gelangen. Ich drehte mich im Kreis.

In den folgenden Jahren gab es weitere Situationen, die, wäre ich nicht so verkopft gewesen, zu einer Trennung geführt hätten. Es kam nie zu körperlicher Gewalt. Ich vertraute ihm. Ein paar Monate nach meinem ersten Mal erklärte ich ihm, dass ich nur reden wollte, da ich mit körperlichen Intimitäten schlicht und ergreifend überfordert war. Das nächste Mal, als wir uns sahen, küsste er mich und ging mir trotzdem an die Wäsche. Ein anderes Mal erklärte ich ihm, dass ich nicht mit dem Finger vaginal befriedigt werden wollte. Er versicherte, dass er dies nicht tun würde. Einige Sekunden später steckte er seinen Finger in meine Vagina. Hinzu kam die Tatsache, dass mein Körper positiv auf seine Berührungen reagierte. Wie konnte sich etwas, mit dem ich nicht einverstanden war, so gut anfühlen? Ich war verwirrt. Mir fehlte ein Name für das, was mir passiert war. Es folgten noch diverse andere Situationen, in denen er mich gegen meinen Willen berührte.

Ab einem gewissen Punkt wurde er außerdem regelrecht anhänglich. Auch das überforderte mich zusehends. Sein konstantes Bedürfnis nach Nähe. Er konnte zuckersüß sein. Dann wiederum beschimpfte er mich als “Schlampe” und brüllte mich an, ließ häufiger seine Tiraden in Textform los. Selbst da trennte ich mich nicht. Selbstverständlich spürte ich, dass sein Verhalten ganz und gar nicht in Ordnung war. Ein Teil von mir wollte ihn nicht verlieren. Ein anderer Teil wollte nicht wahrhaben, dass all diese Dinge wirklich passiert waren.

Nach einer von mir verordneten dreimonatigen Beziehungspause, hatte ich es mit einem komplett anderen Menschen zu tun. Ich hatte nun einen selbstständigen, respektvollen, verantwortungsbewussten jungen Mann vor mir. Jemanden, dem ich vertrauen konnte. Einen Partner. Sein Sinneswandel hielt nicht besonders lange an. Als er mir mal wieder erklärte, was für ein schlechter Mensch ich doch sei und sogar im Affekt mit mir Schluss machte, hatte ich genug. Er meinte zwar, er habe sich doch nicht wirklich von mir trennen wollen, aber für mich war die Sache klar: Die Beziehung war beendet. Danach hatten wir noch einmal Sex. Eine Woche darauf schlief er mit einer anderen. Als ich meine Möbel zurückforderte, schickte er mir, wie ich bereits erwähnte, eine sehr herablassende und durchweg aggressive Nachricht.

Die ersten Tage, nachdem ich den Kontakt abgebrochen hatte, versuchte ich meine Wut in den Griff zu bekommen. Beim Sport musste ich mich bremsen, ansonsten hätte ich mich wohl verletzt. Mein Verstand versuchte weiterhin die Tatsachen zu verdrängen. Das hielt so lange an, bis mein Bauchgefühl sich meldete. Manchmal weiß man Dinge einfach. Man fühlt die Wahrheit in jeder Faser seines Körpers. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, meine Umwelt und meine Erfahrungen wieder intuitiver wahrzunehmen. Ich muss nicht alles verstehen. Das hat mein Leben einfacher gemacht. Auch jetzt gibt es schlechte Tage, an denen ich zu viel nachdenke, aber diese Tage werden weniger. Ob ich irgendetwas bereue? Nein. Ich hätte mir jedoch viel erspart, wenn ich damals im Dezember auf meine Intuition gehört hätte.

 

Meine Erfahrungen haben mich verändert. Ich bin eine andere und doch bin ich ich selbst geblieben. Ich bin mutig. Loyal. Intuitiv. Ehrlich. Manchmal auch vorlaut und unsicher. Ich bin eine Kämpfernatur und eine Idealistin. Denn ich träume immer noch von der großen Liebe. Ich glaube daran, dass es Männer gibt, die mich für begehrenswert halten. Ein Mann, der weiß, was er will und es sich auch nimmt, kann wahnsinnig attraktiv sein. Ich glaube aber auch daran, dass es Männer gibt, die mich wertschätzen und respektieren werden. Ich glaube daran, dass es Männer gibt, die sich nicht nehmen, was sie wollen, es sei denn, sie wissen, dass ihr Gegenüber das auch will. Denn es ist mein Körper. Und damit sind es meine Regeln.

Lea – fotografiert von Sina Stauder

3 Antworten auf “Verdammt, ich lieb‘ dich”

  1. Hallo Julia,
    es tut mir leid, dass du ähnliche Erfahrungen gemacht hast. Aber es freut mich, dass du inzwischen deinen Wert erkannt hast 🙂 Niemand verdient solche Erfahrungen.
    Vielen lieben Dank für den Kommentar. Es ist schön, eine positive Rückmeldung zu bekommen 🙂
    Alles liebe,
    Lea

    Gefällt 3 Personen

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