Ermutigung für einen sorgenvollen Menschen 

Es gibt sie – nicht in jedem Leben, aber in vielen Leben – , diese Momente, in denen wir am Liebsten einfach nur auf dem Sofa liegen und weinen möchten. Es gibt sie, die harten Phasen in denen wir mit Selbstzweifeln und Angriffen von außen eben nicht zurecht kommen: Der Struggle ist real.

Auch ich habe diese dunklen Phasen mit Momenten voller Zukunftsangst und die dann fehlende Hoffnung trifft mich häufig schwer. Hier in meinem schönen Leben ist auch nicht ständig eitel Sonnenschein.

Diese schweren Zeiten zu überwinden kostet unendlich viel Kraft, und je öfter ich eine solche Phase hinter mich gebracht habe, desto müder bin ich oftmals in der nächsten. Ich hab schon so oft die Zähne zusammen gebissen, mich meinen Dämonen gestellt, meinen Angreifern die Stirn geboten und Tiefschläge eingesteckt, dass ich mich in manch einer akuten Krisenphase nicht in der Lage fühle, auch nur noch einen einzigen Schlag zu parieren.

Was sollst du also tun, wenn die Enttäuschung/Frustration/Depression und deine Sorgen so groß sind, dass es kein Entrinnen für dich zu geben scheint, weil der nächste Berg so hoch ist, dass er dir unmöglich zu erklimmen wirkt?

Es gibt nur eine Möglichkeit da rauszukommen: du musst einen Schritt nach dem anderen setzen. Einen Tag nach dem anderen angehen. Eine Aufgabe nach der anderen erledigen. Eine Krise bewältigen wir nur, wenn wir wenigstens den kleinstmöglichen nächsten Schritt machen. Und dann den nächsten.

Und es kommt nicht darauf an, was genau deine Krise ist oder was dein nächster Schritt sein wird. Egal, ob es um das Ausmachen eines Termins mit deinem Arzt geht um über alles zu sprechen (zum Termin hingehen ist erst die übernächste Hürde), um eine Pro- und Kontra-Liste zu deiner aktuellen Situation, einen Anruf innerhalb der Familie oder eine Bitte um ein Gespräch mit deinem Vorgesetzten – der sichere erste Schritt raus aus der Krise: ist erstmal nur der kleinste Schritt, den du dir überhaupt vorstellen kannst zu gehen.

Was für ein Schritt kann das sein? Es fängt mit Aufstehen an. Duschen. Etwas anständiges anziehen, sich zurecht machen. Zur Arbeit/Schule/Arzt gehen. Wenn du ernsthafte psychische Probleme hast, ist es vielleicht auch das sich-nicht-verletzen. Wenn du dich getrennt hast, ist es vielleicht das dem-Expartner-keine-Nachricht-schreiben. Wenn du im Beruf kreuzunglücklich bist, ist es vielleicht die Installation einer Jobbörseapp. Was kommt dir grad am schwersten vor? Was würde dir leichter fallen? Kannst du einen Schritt auf andere Menschen zu machen, in Kontakt treten und dir Unterstützung oder Hilfe holen um deine Krise oder Katastrophe zu bewältigen? Tu es. Schick eine Nachricht, ruf jemanden an, klingel bei jemandem den du kennst. Niemand verpflichtet dich mit demjenigen sofort über deine Gefühle oder die Krise zu reden. Mach einfach den ersten Schritt und geh hin, nimm Kontakt auf. Alles andere findet sich. Du sprichst drüber oder du sprichst nicht. Aber du existiert als Teil der Gesellschaft und gehst voran.

Und wenn der einzige Schritt den du grad siehst, Rückzug in deine eigene Wohnung ist, dann ist das eine Zeitlang auch okay. Wir müssen nicht jede Krise im Löwen- und Angriffsmodus bewältigen. Manchmal ist es angebrachter, sich einzuigeln. Für sich selbst sorgen ist so viel wichtiger als zurückzubeissen, scheiss aufs Gesicht bewahren. Manchmal kommt es eben nicht drauf an, die Fassade aufrecht zu erhalten. Sich zu öffnen macht verletzlich und angreifbar – und führt viel häufiger zu Akzeptanz und Unterstützung als wir erwarten.

Wenn du in einer akuten Krise steckst und du grad innerlich auf dem Boden liegst, mach langsam und fang mit dem kleinsten Schritt zuerst an. Du musst nicht alle Probleme auf einmal lösen, und du musst auch die Probleme nicht sofort lösen. 

Nimm dir die Zeit die du brauchst, und dann geh und mach deinen ersten Schritt und dann, wenn du so weit bist, sprich mit deiner Familie, deinen Freunden oder dem fremden Typ an der Bar, geh zum Arzt und suche dir ein Unterstützungsnetzwerk.

Wir sind nicht allein damit!

💛

Wenn du Hilfe brauchst und keine findest, kannst du zum Beispiel die Telefonseelsorge kontaktieren, im Internet oder telefonisch via 0800/1110111 oder 0800/1110222 – Jeder Anruf ist kostenfrei.

Dieses Posting veröffentliche ich auch im Rahmen der Blogparade „Chancen, Wege und Methoden die Gedanken an Suizid zu vertreiben“ der Telefonseelsorge – manchmal ist es möglich, es nicht so weit kommen zu lassen und rechtzeitig einen Ausweg aus der Ohnmacht zu finden.

In ernsthaften Akutkrisen mit Suizidgedanken wähle bitte immer telefonisch die 112! 

4 Antworten auf “Ermutigung für einen sorgenvollen Menschen ”

  1. Ich kenne diese Momente sehr gut und wer nicht unter Depressionen u.a. leidet, für den ist es nicht nachvollziehbar, wie schwer diese „kleinsten“ Schritte sind. Es sind nämlich riesige Schritte und wenn man einen dieser Schritte gemacht hat, sollte man darauf stolz sein. Nicht mit anderen vergleichen, sondern stolz sein, dass man etwas gemacht hat. Auch stolz sein ist sehr, sehr schwer. Was mir übrigens auch hilft – als Anregung- nach draussen gehen und etwas laufen… gehen, joggen, wer mag, radfahren. Das bringt auch die Gedanken in Bewegung.
    Ein sehr hilreicher Beitrag, vielen Dank!
    Grüße,
    Julia

    Gefällt 3 Personen

  2. Als ich diesen Post las, dachte ich an 2003. Nicht nur war ich im Job nicht befördert worden, mir wurde mitgeteilt, dass mein zielgerichteter Charakter, auf den ich stolz ging, für viele Mitarbeiter_innen ein Nachteil ausmachte: Ich war genauso streng mit ihnen wie mit mir selbst, nur mein vertrautes Team lud mir zum Mittagessen ein,…also war ich effektiv, respektswürdig, aber sicherlich nicht beliebt. Was für ein Schock😱. Ich war mir dessen schlicht nicht bewusst, so negativ zu wirken bzw. wirken zu können. Ich suchte nach einer Psychologin, der Frau eines Kollegen, die im Bereich Arbeitspsychologie tätig war…am Ende des ersten Termins empfahl sie mir die Lektüre ein paar Bücher zur Transaktionsanalyse und innerhalb 4 Monate wurde ich VIEL glücklicher und könnte meinem Leben eine neue Richtung geben. Glück in Unglück 😍. Auf meinem A4-Blatt (die Datei heißt „Mental“) stand/steht: „Piccoli passi, +vo“ (Ich wohne in Italien, deswegen machte ich Notizen auf Italienisch) „kleine Schritte: positiv“. Daher meine Botschaft für diesen Blog: Manchmal durch einen „Unglück“ kann man sich dessen bewusst werden, was einem_r wirklich glücklich macht.

    Gefällt 2 Personen

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