​Über Lebensreisen, Irrwege und mutige Entscheidungen

Ein Gastbeitrag von Sabrina Naumann

Mit den persönlichen Träumen ist das so eine Sache. Jeder von uns hat sie: Träume, Wünsche, Visionen. Viele von uns starten ihr Leben aber in diesem Camp, in dem die meisten Menschen sich nicht trauen an ihre Träume zu glauben. Hier kann man sich einfach nicht vorstellen, dass sich die Dinge grundlegend zum Guten wenden könnten. Und häufig herrscht in diesem Camp das Prinzip der Anpassung: Aus reinem Selbstschutz heraus resignieren die Menschen hier oder geben auf, bevor sie überhaupt nur irgendetwas versucht oder unternommen hätten, um ihre Umstände zu verändern. 

Aus diesem Camp herauszukommen ist nicht leicht und um ehrlich zu sein, schaffen es aktuell noch nicht allzu viele. Ein weniger schöner Ausweg aus diesem Camp sind häufig äußere Ereignisse: Krankheiten, Nervenzusammenbrüche, Kündigungen, Trennungen. Ereignisse, die uns dazu zwingen das Camp zu verlassen, weil wir es einfach nicht mehr aushalten können.
Wenn man es dann erst einmal geschafft hat, das erste Camp zu verlassen, wechselt man häufig ins zweite Camp über. Es sei aber auch gesagt, dass es genug Menschen gibt, die das erste Camp nur kurz besuchen, oder komplett überspringen, weil ihre erlernten Muster nicht ganz so eng gesteckt sind und weil sie viel häufiger die Erfahrung gemacht haben, dass Veränderung, Verbesserung und Fortschritt absolut möglich sind.
Was aber genau geschieht nun eigentlich im zweiten Camp?

Im zweiten Camp ist uns bewusst, dass es Menschen gibt, denen es wesentlich besser geht als uns. Hier kennt man Lebensgeschichten von Menschen, die unbeirrbar „ihren eigenen Weg gegangen sind“. Wir schauen hier zu Menschen auf, die erfolgreich sind, reich, beliebt, die glückliche Beziehungen, Familien und Partnerschaften haben.

Und dann machen wir uns innerhalb des zweiten Camps, hoffnungsvoll auf den Weg dasselbe für uns zu erreichen.
Wir lesen Ratgeber, folgen Anweisungen, geben uns alle Mühe, alles richtig zu machen. Wir hinterfragen, wir reflektieren, wir stellen um, wir starten neu, wir verändern Worte, Sätze, machen noch mehr Übungen, kaufen noch ein neues Buch, machen einen weiteren Kurs. Und doch, und dennoch, trotz all der Arbeit und Motivation und Begeisterung, die wir an den Tag legen, kommen nur wenige über Camp zwei hinaus. Das liegt auch daran, dass viele von uns nicht einmal wissen, dass eine Welt hinter Camp zwei existiert. Gibt es ein Ziel innerhalb von Camp zwei? Eine bestimmte Anzahl von Followern, von Klienten, von Euro auf dem Konto, von Aufträgen, die uns einen erfolgreichen Abschluss von Camp zwei bescheinigen?

An dieser Stelle möchte ich meinen eigenen persönlichen Weg durch die verschiedenen Camps mit euch teilen und erzählen, was ich darüber hinaus entdeckt habe.

Ich habe mit sechzehn Jahren angefangen als Erzieherin zu arbeiten. Gut zu sein, in dem was ich tue, war keine Option, sondern ein Muss. (Genauso wie Bestnoten, bei der eine Zwei nie ausreichte. Hallo, Prägungen aus Camp eins!) Ich war immer ein empfindsamer Mensch. Schon als Teenager jemand, der sehr viel nachgedacht, wahrgenommen und reflektiert hat. Bereits mit 14 habe ich mir die großen Fragen des Lebens gestellt: „Warum sind wir hier? Was ist der Sinn des Lebens? Was hält das Universum zusammen? Und was ist meine Aufgabe dabei?“

In Camp eins mache ich jedoch die Erfahrung, dass es ziemlich einsam um einen herum werden kann, wenn man sich mit diesen Dingen befasst, während die meisten anderen eher damit bemüht sind, im immer gleichen Kreislauf nicht unterzugehen.

Also behalte ich meine Fragen weitgehend für mich, passe meine Persönlichkeit an, und wähle, was innerhalb von Camp eins anerkannt wird: einen sozialen Beruf.

Ich arbeite also als Erzieherin in den unterschiedlichsten Bereichen, mit den unterschiedlichsten Menschen. Aber es reicht mir nicht. Die Grenzen innerhalb des Systems (und innerhalb von Camp eins) sind mir einfach zu eng. Ich habe das Glück, mitten in dieser sozialen Welt Menschen zu begegnen, die mir zeigen, dass es noch ein zweites Camp gibt. Ein Camp, in dem man an seinen Träumen arbeiten kann. Ein Camp, in dem es mehr Hoffnung, mehr Veränderung und vor allem mehr Möglichkeiten gibt, als in Camp eins.

Ich lese unendlich viel. Ich schreibe. Ich besuche Kurse und Veranstaltungen in denen ich mit zwanzig Jahren immer die Jüngste bin. Ich entwickle mich enorm weiter. Neben meiner Arbeit als Erzieherin mache ich eine Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie und kämpfe mich mit dem größten Einsatz durch medizinische Fachgebiete und wahnsinnig schwere Prüfungen. Ich bestehe und bin für einige Zeit einfach happy damit, dieses Ziel erreicht zu haben. Aber ich bin doch auch erst Mitte zwanzig und verstehe noch nicht so genau, was ich jetzt damit anfangen soll. Ich fühle mich kaum bereit dazu, anderen Menschen meine Dienste und Fähigkeiten anzubieten. Mehr Wissen muss her. Mehr Erfahrung. Ich sammle alle möglichen Scheine und Zertifikate: Übungsleiterscheine für dieses und jenes. Ein Zertifikat als Entspannungstrainerin. Die Ausbildung zum Reconnective Healing Practitioner. Und doch, merkwürdigerweise, scheint mir Camp zwei kein Ziel zu haben. Mit meinen Prägungen aus Camp eins glaube ich, dass es daran liegt, dass ich einfach noch nicht gut genug bin. Dass ich einfach noch nicht genug gelernt habe. Also muss ein Studium her. Etwas wirklich Solides. Und neben meiner Arbeit als Erzieherin beginne ich dann im Alter von dreißig, ein Studium als Sozialarbeiterin (was ich natürlich mit den besten Noten abschließe). Jetzt endlich habe ich alles erreicht. Jetzt endlich habe ich genug Berechtigungen gesammelt, denke ich mir- ohne so genau zu wissen, für was eigentlich.

Das enorm kräfteraubende Studium öffnet mir jedoch dann endlich für eine ganz bestimmte Sache die Augen: Egal ob als Erzieherin, als Sozialarbeiterin, oder was auch immer, die Systeme sind mir zu eng. Bei meiner ganzen Reise durch Camp zwei war ich selten glücklich und meistens angestrengt. Ich hatte versucht meine Träume und Visionen umzusetzen und bin dabei doch immer wieder gescheitert. Ich hatte gelernt, gelesen und mich den Regeln von Camp zwei völlig unterworfen. In diesem Zustand blieb ich ziemlich lange, bis ein weiterer Aha-Moment mich einholte: Es musste ein Leben über Camp zwei hinaus geben!

Und ich entdeckte es, das Leben hinter Camp zwei. Nun ist das schwierige daran, dass es sich nicht leicht definieren lässt. Camp eins und zwei haben eindeutige Strukturen, eindeutige Regeln, eindeutige Verhaltenscodes. Hier weiß man, was man tut. Sie lassen sich beschreiben. Sie lassen sich in Worte fassen. Ich versuche das hiermit:

Nach Camp eins und zwei kommt keinesfalls Camp drei, wie man vermuten könnte. Am ehesten lässt sich wohl sagen, dass es Leben außerhalb irgendeines Camps ist. Leben ohne Außengrenzen. Leben ohne „Camp-Hierarchien“. Leben ohne „Das-ist-der-richtige-Weg-Vorgaben“.

An einem gewissen Punkt entschloss ich mich, aus Camp zwei herauszutreten. Weil nichts mehr innerhalb von Camp zwei für mich funktionierte. Weil all die Anweisungen die ich befolgt hatte, mich nicht glücklicher machten. Weil all die rationalen Dinge, die mir die Menschen in Camp zwei beibrachten („Erschaffe Mehrwert für deine Klienten“, „Produziere guten Content, um Menschen zu erreichen“, „Erschaffe deine eigene Marke“, „Lerne dringend die Handhabung von Twitter/ Pinterest/ LinkedIn“, etc.) einfach mein innerstes nicht erreichten. Sie passten nicht zu mir und zu meiner Persönlichkeit. Ich war so nicht. (An dieser Stelle kommt dann natürlich Camp eins durch und versucht dir zu sagen: „Hey, du bist einfach noch nicht gut genug. Wenn du es wärst, würden die Expertenstrategien auch bei dir Wirkung zeigen!“)
Über Camp zwei hinaus musste ich mir also eine sehr wichtige Frage stellen: Wie und wer war ich eigentlich?

Und ich stellte fest, dass all die sozialen Berufe, die ich mir angeeignet hatte (und in denen ich zweifelsohne sehr gut war) nicht mehr als eine verträgliche Rolle waren, um in Camp eins und zwei zurecht zu kommen. Natürlich mochte ich die Arbeit mit Menschen, die Beratung, und gleichzeitig bewegte ich mich damit immer innerhalb bestimmter Grenzen. Ich konnte meine innere Weisheit nicht einsetzen. Mein Wissen über das Universum, über Gott, über Spiritualität und über Engel. All das waren meine wahren Leidenschaften, meine wahre Berufung, der ich seitdem ich vierzehn war immer heimlich im Hintergrund nachgegangen war und die ich exzessiv studiert hatte.

Es gibt einen Punkt, an dem der innere Ruf lauter ist, als das Streben nach Sicherheit, Beliebtheit und Anerkennung. Und wenn dieser Ruf der Seele laut genug wird, trittst du aus Camp zwei hinaus, ohne zu wissen, was hinter seinen Grenzen ist. So war es bei mir.

Ich hatte im Laufe der Jahre unzählige Berechtigungsscheine gesammelt, um meine Arbeit zu machen. Unzählige Zertifikate und Qualifikationen.

Und hier (jenseits all dessen) lernte ich nun die eine wirklich wichtige Lektion: Es gibt diese eine Sache für die du nie jemanden finden wirst, um sie dir zu bescheinigen: die Berechtigung du selbst zu sein. Die Erlaubnis zu dir selbst zu stehen. Mit all deinen Eigenheiten, deinen Fähigkeiten und deiner Persönlichkeit. Diese Erlaubnis kannst nur du selbst dir geben. Sie ist eine tägliche Glaubensfrage an dein Selbstwertgefühl.

Und was jetzt? Jenseits von Camp zwei gibt es für mich nur wenige vorstrukturierte Pläne. Was hier für mich zählt ist, meiner inneren Stimme zu folgen. Meiner Weisheit zu folgen. Mein persönlicher Raum außerhalb von Camp zwei ist angefüllt mit Spiritualität, mit dem unerschütterlichen Wissen um Kräfte, die uns führen und leiten, wenn wir uns auf sie einlassen. Mit Vertrauen in die Strömungen des Lebens. Wohin sie uns bringen? Zum Glück muss ich das nicht mehr wissen. Denn es ist so viel leichter uns ihnen zu ergeben. Und eines haben sie mir, immer und immer wieder, bewiesen: wir werden vielleicht nicht dort hingebracht, wo wir hin wollten, oder wo vielmehr unsere Prägungen uns erzählten, wo wir richtig wären oder hingehörten. Aber wenn wir uns vertrauensvoll dem Fluss des Lebens und des Universums er- und übergeben, landen wir letzten Endes immer dort, wo es gut für uns ist.

  1. „Es gibt diese eine Sache für die du nie jemanden finden wirst, um sie dir zu bescheinigen: die Berechtigung du selbst zu sein. Die Erlaubnis zu dir selbst zu stehen. Mit all deinen Eigenheiten, deinen Fähigkeiten und deiner Persönlichkeit. Diese Erlaubnis kannst nur du selbst dir geben. Sie ist eine tägliche Glaubensfrage an dein Selbstwertgefühl.“

    Danke für diesen Satz! ❤ So wahr und doch ist die tatsächliche Erkenntnis dessen ein langer steiniger Weg…

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