Wie ein trauriger Verlust mich lehrte das Leben zu schätzen

Ein Gastbeitrag für die Empowerment-Pinnwand von Frl. Mary Read. Über einen großen unerwarteten Verlust und den Umgang mit der Trauer:

Endlich war ich schwanger!

2 Jahre hat es gedauert bis ich den Positiven Test in der Hand hatte! 2 Jahre mit dem brennenden Wunsch Mutter zu werden, sind verdammt lang. Wir waren überglücklich. Meine Frauenärztin war voll des Lobes wie toll sich alles entwickelt. Unsere Familien und Freunde freuten sich sehr mit uns und nach der 12. Woche haben wir es ganz offiziell gemacht!

Kollegen, Schüler (ich arbeitete als Sozialpädagogin an einer weiterführenden Schule), Bekannte – natürlich haben sich alle für uns gefreut. Dann, kurz vor Weihnachten ich war in der 14.Woche, ging ich das erste Mal alleine zum Ultraschall bei meiner Ärztin.

Die Ärztin war super gut gelaunt! Scherzte noch, dass meine Übelkeit ein Zeichen für eine sichere Schwangerschaft ist, fing an zu schallen – und wurde immer ruhiger. Sah sich ganz konzentriert und ernst immer dieselbe Stelle an. Das Herzchen schlug und ich sah ganz deutlich wie mein Baby fröhlich zappelte. “Frau Read,” sagte die Ärztin, “ich erkenne etwas hier nicht richtig. Ich schicke Sie direkt zu Herrn Doktor Superexperte.”

Viel verstand ich nicht. Aber ich wusste wenn man kurz vor Weihnachten sofort bei einem Herrn Doktor Superexperte dazwischen geschoben wird, ist es nicht gut. Ich erinnere mich, wie ich zitternd an der Bahnhaltestelle stand und auf dem Weg zur Klinik meinen Freund anrief.

Wie ich stotterte und versuchte zu erklären. Ich wollte ihm keine Angst machen. Ich wusste ja noch gar nichts.

Und bestimmt würde alles gut werden.

Ich hatte Angst! Wollte nicht allein sein. Sagte aber: “Nein. Du musst nicht kommen. Ich schaff das schon.”

Damals war das typisch für mich. Herr Doktor Superexperte war leider nicht wirklich nett. Sehr sachlich. Sehr kurz angebunden. Muss man vielleicht in der Position sein. Kernaussage war:

Ein Wunder, dass diese Schwangerschaft noch intakt ist.

D i e s e s   K i n d   w i r d   n i c h t   L e b e n s f ä h i g   s e i n.
Ich war fertig. Meine Ohren dröhnten.

Mein Freund holte mich ab.

Vom Rest des Tages weiss ich nichts mehr. Es folgten Untersuchungen, Beratungstermine, noch mehr Untersuchungen. Der Familie Bescheid sagen. Den engsten Freunden Bescheid sagen- allen anderen nicht!

Die Diagnose ’nicht Lebensfähig‘ war für mich unfassbar. Ich wollte gar nicht wahrhaben, dass dieses Kind was in mir lebt, durch mich lebt, welches ich schon flattern spüre – mein Baby sollte nicht Lebensfähig sein?

Es zog mir völlig den Boden weg.

Ein bisschen Hoffnung hatte ich noch, vielleicht ja doch nur eine Behinderung? Das würden wir hinbekommen! Aber nach jedem Test, nach jedem Beratungstermin wurde die Hoffnung kleiner. Viel redete ich mit meinem Kind. Sagte ihm immer wieder wie leid es mir tut, und dass ich ihn sehr liebe- aber er soll jetzt bitte in Licht und Liebe gehen. Ich hielt es nicht mehr aus! Ich war irgendwann an dem Punkt an dem ich wollte das mein Baby stirbt- ohne eine Entscheidung treffen zu müssen. Wenn schon klar war, dass ich eine Fehlgeburt haben werde, dann bitte so schnell wie möglich. Die Zeit zwischen Terminen verbrachte ich im dunklen Schlafzimmer oder mit dem Hund auf dem Sofa. Ich ertrank in Selbstmitleid und stellte mir immer wieder dieselben Fragen. Warum ich? Was habe ich falsch gemacht? Was ist falsch an mir? Warum macht mein Körper das falsch? Alles war falsch und unfair. Und ich – das O p f e r und gleichzeitig s c h u l d i g. Zu der Trauer und den Schuldgefühlen kam eine mächtige, riesige Portion Hormonchaos! Vor der Geburt der normal furchtbare Hormonstatus einer Schwangeren. Nach der Geburt hat mein Körper nur mitbekommen ‚Baby wurde ausgeliefert‘ und spulte das volle ‚Baby ist da‘ Programm ab.

Milcheinschuss, Wochenfluss… Wenn unsere Hündin nicht wäre, hätte ich die Wohnung gar nicht verlassen. Ich telefonierte sehr viel mit meiner Mutter. Besuch wollte ich keinen- auch wenn liebe Freunde es immer wieder angeboten haben. Ich wollte allein sein. Nur meinen Partner und ließ ich in meine Nähe.

Nach 3 Wochen stand fest, dass die Geburt eingeleitet werden muss. Mein Baby! Mein Traum! Mein Wunsch! Mein Kind! Es gab keine Chance mehr. Ich gebar meinen toten Sohn. Er war winzig. Viel zu klein für die 17. Woche. Aber er war wunderschön! Es war alles dran! Ein perfekter kleiner Junge.

An einem Zeitpunkt, zu dem meine Umwelt meinte jetzt sollte es langsam mal wieder gut sein, fiel ich in eine reaktive Depression.

Ich ‘funktionierte’ und lachte sogar sehr viel wenn ich ausserhalb der Wohnung war – sobald ich zuhause ankam, fiel die Maske und ich machte gar nichts mehr. Ganz kurz gefasst: Es ging mir geistig, seelisch und körperlich so schlecht wie noch nie in meinem Leben.

Von der Diagnose waren zunächst natürlich alle geschockt. Und alle wollten es genau wissen – trotzdem wir doch selbst Anfangs nichts wussten. Was leider hängen blieb, sind die Vorwürfe die mir von einem Teil der Familie gemacht wurden. Als Dramaqueen wurde ich bezeichnet. Ob es nicht daran liegen könnte, dass ich kein Fleisch esse. Ob in meiner Familie noch andere behindert wären. Ob wir das Kind denn auch taufen lassen können wenn es schon gestorben ist. Welche Medikamente ich denn so eingenommen hätte. Die Schuld lag ganz klar bei mir. Es ist für manche Menschen nicht denkbar, dass solche Sachen einfach so passieren könnten. 

Zum Glück war der andere Teil der Familie anders. Einfach geschockt, traurig und boten uns immer wieder Hilfe an. Unsere Freunde verhielten sich sehr gemischt. Sofort kamen Hilfsangebote ‚Wenn wir was tun können‘. Aber ich spürte auch große Unsicherheit, und viel Unverständnis. Wir waren mit die ersten im Freundeskreis mit Kinderwunsch – und so bekam ich recht häufig zu spüren, dass auch dort viele meine Trauer und die tiefe Verzweiflung auf eine Art übertrieben fanden. Bereits eine Woche nach der Geburt ging ich wieder arbeiten. In der Schule bin ich sehr offen mit dem Verlust umgegangen.

Musste ich! Geheimnisse fördern nur Gerüchte – und die sind immer schlimmer als die Wahrheit. Durch meine Offenheit bekam ich sehr viele Rückmeldungen. Von der Kollegin die meinte ich solle froh sein, schließlich wäre das Kind ja behindert gewesen – bis zu der Kollegin die mir vom wirklich dramatischen Abgang ihrer eigenen Schwangerschaft erzählte. Niemand ohne Meinung oder eigene Geschichte! Dann von den Kindern. ‚Frau Read, meine Mama hat mir erzählt, dass ich eigentlich auch 2 Geschwister hätte‘ – ‚Ich wäre eigentlich ein Zwilling gewesen. Hat meine Mutter mir jetzt erst erzählt.‘ Und die Mütter. Ich kann gar nicht mehr sagen wieviele mir die Geschichte ihres eigenen Verlustes erzählt haben.

Und das hat gut getan. Es hat gut getan zu merken, dass ich nicht allein bin! Das ich dieses Schicksal mit vielen Frauen teile und erst meine Offenheit einige dieser Frauen dazu bewegt hat über ihre eigene Geschichte zu sprechen.

Eigentlich schaffe ich am liebsten alles alleine. Ich sehe mich gerne als starke Frau! Und starke Frauen kommen alleine klar! Auch mit ihren Gefühlen — dachte ich! Wie dumm ich war! Hier war ganz klar eine Grenze erreicht.

Ohne Hilfe, war der Verlust meines Kindes und aller damit verbundenen Wünsche und Träume nicht zu verkraften. Meine Größte Stütze war mein Partner! Mit ihm habe ich unfassbares Glück. Diese heftige Erfahrung hat uns noch enger verbunden. Das klingt wohl sehr pathetisch, aber ich glaube wirklich wenn man solch einen Verlust gemeinsam erleidet, zerbricht die Beziehung daran, oder wird fast unkaputtbar.

Die größte Hilfe von außen habe ich durch meine Hebamme bekommen. Auch Frauen mit Fehlgeburten haben das Recht auf eine Hebamme! Und ich habe die allerbeste gefunden. Nicht nur eine tolle Hebamme, sondern auch eine fantastische Trauerbegleitung. Sie hat so wahnsinnig viel für mich, für uns, getan. Das kann ich gar nicht alles aufzählen und nicht genug wertschätzen! Bei allen körperlichen Problemen konnte sie helfen. Sie hat es geschafft mir ein ganzes Stück weit die Schuldgefühle, durch eine ganz klare Ansage, zu nehmen. “Mary!”, sagte sie, “Du bist nicht Gott! Hör mal mit deinen Allmachtsfantasien auf. Du kannst sowas nicht beeinflussen.” Recht hat sie! Wir können vieles lenken, aber eben nicht alles. Ohne sie wäre ich niemals so heile aus dem Loch rausgekommen.
Klar trauere ich noch. Immer wieder vermisse ich das Kind, das ich nie haben durfte.

Es kamen noch mehr harte Schläge. Der frühe Abgang einer weiteren Schwangerschaft, der plötzliche Tod meiner Mutter…

Aber ich habe gelernt damit umzugehen!

Besonders in den Scheißzeiten muss ich mich immer wieder auf all das Gute besinnen was ich habe. Und das ist verdammt viel! Ich bin Mutter von drei Kindern! Ein Sternenkind und zwei wundervolle Erdenkinder. Habe einen Partner mit dem ich schon Jahre durchs Leben gehe, eine Hündin die mich so gut begleitet wie meine Freunde – zu denen ich auch nur die besten Menschen zählen darf! Mit den ganz großen Sachen – wie nicht Hunger leiden zu müssen, nicht im Krieg zu leben etc. fang ich jetzt gar nicht erst an. Ich muss mich an all dem Guten was ich hab festhalten. Sonst ziehe ich mir nämlich die Decke über den Kopf und bade in einem Meer aus Selbstmitleid. Deswegen muss ich es immer ausnutzen wenn ich meine Energie aufladen kann! Es wird nämlich wieder Zeiten geben in denen ich verschwinden möchte – und dann muss ich meine Reserven rausholen um für all das Gute da zu sein!

Meine Gefühle nehme ich ernst! Es gibt keine falschen Gefühle, egal was andere denken. Wenn mir Hilfe angeboten wird, nehme ich diese dankend an. Wenn ich Hilfe brauche, bitte ich darum.

Es war kein leichter Weg all das zu lernen.

Jeder gute Tag ist ein wertvolles Geschenk. Das Leben ist viel zu schön um im dunklen Schlafzimmer zu sitzen und sich selbst leid zu tun.

Also, her mit dem schönen Leben!

6 Antworten auf “Wie ein trauriger Verlust mich lehrte das Leben zu schätzen”

  1. wow danke liebe mary fürs erzählen deiner geschichte!
    mir gings vor ein paar wochen leider genauso wie dir 😞 die selbe diagnose, nicht lebensfähig unser mädchen, in der 16.ssw.
    bin am boden zerstört. will nix mehr machen, keinen mehr sehen außer meinen freund.. bin einfach total leer..

    ich hoffe wirklich das alles bald wieder einigermaßen wird..
    drück dich ganz fest
    S.

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe S., ich sende dir von Herzen eine Umarmung und viel Kraft für diesen traurigen Lebensmoment. Worte können nicht beim Rausgehen helfen, aber du weißt ‚du bist nicht allein💛‘.
      Gern kannst du auch Mary auf instagram kontaktieren, um dich mit ihr auszutauschen. Alles Liebe, Anne

      Gefällt 1 Person

  2. Wow! Vielen dank für die lieben rückmeldungen!
    Es freut mich sehr wenn meine geschichte anderen helfen kann den mut nicht zu verlieren!
    Trotzdem der text für einen blog beitrag sehr lang ist, steht natürlich nicht alles drin. Falls jemand mehr wissen möchte oder auch bei verständnis fragen – bitte, schreibt mich einfach an!
    Liebe luna (S.),
    es tut mir sehr leid das du dieses schicksal teilst! Wenn du fragen hast, oder mir einfach nur die geschichte deiner schwangerschaft und von deinem mädchen erzählen möchtest, schreib mich gerne an!
    – Mary Read

    Gefällt 2 Personen

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